Petra Schaper-Rinkel (2006). Politik als Initiierung von Spielfeldern und Setzung von Spielregeln. Forcierung und Regulierung der Nanotechnologie. In: Gunter Gebauer, Stefan Poser, Robert Schmidt, Martin Stern (Hrsg.). Kalkuliertes Risiko. Technik, Spiel und Sport an der Grenze . Frankfurt am Main / New York: Campus. S. 268-287
Aktuell findet die Entwicklung der Nanotechnologie zwischen Visionen, Szenarien, Simulation, Forschung, Entwicklung und Produktion statt. Die weit in die Zukunft reichenden Visionen der Nanotechnologie zielen auf eine neue industrielle Revolution durch umfassende Kontrolle der Materie. Dabei ist die Ambivalenz der Technikentwicklung stark ausgeprägt. Dies zeigt sich in öffentlichen Diskursen, in denen Horrorvisionen (selbstreplizierender Nano-Roboter, die alles Leben auf der Erde vernichten könnten) mit Zukunftsvorstellungen eines Nanozeitalters konkurrieren, in dem Armut, Ressourcenknappheit und Umweltzerstörung mit Hilfe der Nanotechnologie überwunden werden. Auf der einen Seite soll dabei durch eine spezifische Technologiepolitik die Technologieentwicklung beschleunigt werden, um wirtschaftliches Wachstum zu produzieren, und zugleich sollen die Risiken, die mit den Technologien verbunden sind, vermieden werden. Die technologiepolitischen Programme, die das Feld der Nanotechnologiepolitik konstituieren, initiieren spezifische Spielfelder durch die finanzielle Projektförderung. Zugleich setzt die Technologiepolitik explizite (Regulierung) und implizite (Selektion von Akteure und Projekten) Spielregeln.
Politik initiiert Forschung durch die Bereitstellung von Forschungsmitteln, selektiert und privilegiert bestimmte Spieler auf dem neuen Feld und definiert (im Zusammenspiel mit ausgewählten Akteuren) die Spielregeln, innerhalb derer sich die sowohl die Experimente als auch die Technologieentwicklung insgesamt bewegen. Politik stellt den Rahmen für Experimente - forciert Experimente und ist zugleich für die Begrenzung von Experimenten zuständig - durch einen regulativen Rahmen, der Experimente ermöglichen soll und zugleich die Risiken begrenzen soll.
Neue Ideen, Produktinnovationen, Vorgehensweisen und Produktinnovationen durch die Nanotechnologie sind auch auf die Spiel- und Experimentierfreudigkeit in den Laboren der Grundlagenforschung und der anwendungsnahen Forschung angewiesen. Die weitreichende Nanotechnologie der Zukunft existiert bisher als Computersimulation. Diese Computersimulationen und die dazugehörigen Szenarien theoretisch denkbarer Möglichkeiten bilden den Rahmen und Zielhorizont derer, die an den Nanotechnologien der ferneren Zukunft forschen (von der letztlich unbekannt ist, wann und ob sie realisiert werden). Doch die Experimente sind mit erheblichen Risiken verbunden. Durch Szenarien der Technik- und Risikofolgenabschätzung werden Visionen und Gefahren antizipiert und die Risiken als beherrschbar dargestellt. Dabei werden die Grenzen und Möglichkeitsräume beschrieben, innerhalb derer die Erkundungen und Experimente der Technologieentwicklung stattfinden (sollen). Die Szenarien, die im Rahmen von Technikfolgenabschätzung entstehen, sollen sowohl Förderung als auch Regulierung optimieren. Sie liefern die Vorlage für die politische Bestimmung von Spielregeln in Form von spezifischen Förderprogrammen und spezifischen Regulierungen durch die Politik. Wie weit die risikoreichen Experimente gehen dürfen und wo ihr Grenzen liegen, wird heute in breiten - nebeneinander existierenden und miteinander verknüpften - Netzwerken diskutiert und verhandelt. Staatliche Akteure bestimmen diese Netzwerke stark mit und setzen auch damit den Rahmen für die Denk- und Diskussionshorizonte. Durch die Netzwerke werden zugleich die Entscheidungen über Förderung und Regulierung vorkonfiguiert, die schließlich politisch beschlossen werden. Damit werden die Spielregeln für Forschung und Entwicklung definiert.
In dem Beitrag werden die Szenarien der Technikfolgen- und Risikoabschätzung analysiert und aus politikwissenschaftlicher Sicht beleuchtet, welche politischen Gestaltungsmöglichkeiten heute gesehen werden, um Experiment und Spiel zu ermöglichen und zugleich Risiken zu vermeiden. Dabei wird insbesondere die Dynamik von öffentlichkeitswirksamen Visionen und Katastrophendarstellungen, Modellen der Technik- und Risikoentwicklung, Netzwerken sowie der Verhandlung und Setzung von Spielregeln durch die Politik dargestellt. Dabei wird gezeigt, dass Technologiepolitik zwar explizit als Anwendung von Instrumenten gilt, die eine Beherrschbarkeit der Prozesse suggerieren, jedoch auf der anderen Seite letztlich experimentelle Prozesse in Gang setzen und forcieren, deren Wirkungen ungewiss sind und die in sich wiederum risikoreich sind.
Mehr zum Projekt Nanotechnologiepolitik: http://www.nanotechnologiepolitik.de